12 Bilder vom 12. Oktober

Ich bin im Allgäu unterwegs. Zusammen mit Susanne Hausdorf und einigen anderen Bloggern und Journalisten.  Heute waren wir in Kempten  unterwegs und erfuhren beispielsweise, dass es die älteste Stadt in Deutschland ist.

Nachbildung römischer Backöfen in Kempten.

Blick von oben auf die Stadt.

Wir sind im Hofgarten unterwegs.

Ein Backkurs bei zwei Schwestern gehörte ebenfalls zum Programm.

Im Allgäu sind nicht nur die Wiesen, sondern auch die Streusel grün.

Kurz vor dem Abendessen warten die leeren Gläser auf ihre Befüllung…

Nachtisch. Jetzt bin ich echt satt – und gehe ins Bett. Auch wenn es noch keine zwölf, sondern erst acht Bilder sind. Gute Nacht.

Verbunden mit „draußen nur Kännchen“: Dort gibt es noch viel mehr Bilder zum Gucken.

Tagebuchbloggen am 5. Oktober

Draußen war es noch recht dunkel, doch die Katzen benahmen sich wie kleine Kinder und beschlossen, dass die Nacht jetzt vorbei sei. Also goss ich mir einen Kaffee auf, setzte mich an den Küchentisch und las Zeitung. Unarten muss ich ja nicht mit Futter belohnen, oder?

Der Mitbewohner blieb jedoch noch anderthalb Stunden liegen, bevor er seine Tasse mit Kaffee füllte und sich zu mir setzte. Das Wetter war wolkenverhangen, genau richtig, um in der Wohnung herumzukruschen. Da frische Burgerbrötchen im Backofen lungerten, habe ich rote Zwiebeln in dünne Ringe geschnitten und in der Pfanne glasiert. Für das Innenleben haben wir rote Linsen gekocht. Als diese abgekühlt waren, war auch kein Wasser mehr im Kochtopf. Also haben wir sie noch gewürzt, passend zur Größe der Burgerbrötchen zu kleinen Pattis geformt und in der Pfanne gebraten. Ja, es hat funktioniert, es war kein Matsch, da ich sie jedoch etwas trocken fand, gibt es da noch Verbesserungsbedarf. Wir werden weiter probieren.

Rote Zwiebeln in der Pfanne. Damit sie gut schmecken, kommt noch ein Löffel Honig dazu.

Schräg über die Wiese hinweg entsteht etwas, das nach einem Hochbunker aussieht: Ein sehr weißes, sehr kubistisches Gebäude mit dunklen und quer liegenden Fenstern, die mich doch sehr an Schießscharten erinnern. Dort haben am Vormittag die Fliesenleger Fliesen zersägt, am Nachmittag ist der Nachbar mit dem Rüttelfrosch stundenlang über seine künftige Einfahrt spaziert. Immer wenn ich dachte, oh, prima, jetzt ist Ruhe und jetzt könnte ich mich ganz entspannt an den Computer setzen, lärmte er weiter. So konnte ich mich nicht konzentrieren, jedenfalls nicht an meinem gewohnten Arbeitsplatz. Menno.

Weil der Mitbewohner morgen Besuch zum Essen erwartet, war er heute mit Küchendienst dran. Die Katzen schlichen ihm immer wieder nach, schauten, ob was abfällt und guckten ihn ausdauernd an, immer in der Hoffnung, dass er ihnen etwas gibt. Mit der Zeit schlich ein leckerer Duft durch die Wohnung und mir tropfte langsam der Zahn.

Seit vorgestern habe ich eine neue Maus, eine ergonomische und muss mich erst daran gewöhnen, wie damals bei der ergonomischen Tastatur. Aber ich bin mir sicher, es dauert nur zwei, drei Tage und ich kann sie mindestens so gut händeln wie die vorherige.

Ich saß dagegen immer wieder auf dem Sofa – weil draußen Lärm, ihr erinnert euch? – und habe meine Buchrezension zu „gottgewollt“ (link) mit Bleistift auf Papier vorbereitet. Das Buch fasziniert mich schon sehr.

Der geplante Workshop in Nürnberg lässt sich ebenfalls mit Papier und Bleistift vorbereiten, schließlich kann ich noch mit der Hand schreiben. Überhaupt schreibe ich gerne eine erste Fassung auf Papier, nicht in den Computer, jedenfalls dann, wenn es ein Text ist, über den ich länger sinniere und den ich nicht einfach so heruntertippe, wie beispielsweise eine Gemeinderatssitzung.

Außerdem warte ich auf die Post und darauf, dass sie mir mein Belegexemplar von Echt Oberfranken (link) bringt. Für ein Interview mit einem Jäger bin ich Anfang September nach Pressig/ Grössau gefahren, dorthin, wo der Frankenwald am tiefsten ist und sich Fuchs und Hase sprichwörtlich gute Nacht wünschen.

Irgendwie ging damit der Samstag recht unspektakulär vorbei, ich gucke nachher in der Küche, ob ich was essbares finde, ohne dem Mitbewohner das Futter für morgen zu stibitzen, ich werde mich aufs Sofa setzen, einen Pulloverärmel für die Lieblingshausziege stricken, schließlich wird es bald Winter und ich werde sehen, was der Fernseher so an Programm zu bieten hat. Außerdem habe ich für morgen Appetit auf einen saftigen Schokoladenkuchen, der will noch gebacken werden.

Damit endet das heutige Tagebuchbloggen, oder, wie es bei Frau Brüllen heißt: WMDEDGT. 

 

Tag der Einheit

Dritter Oktober, Tag der Einheit. Was offizielle Feiertage alles so verkünden, Einheit.

Frieden. Am ehemaligen Point Alpha.

Ehrlich? Wir sind 1990, weil wir renoviert haben, in unseren alten Sachen in den Westen gefahren, nach drüben, wir wollten irgendwas kaufen. Auch wenn ich nicht mehr weiß, was wir gebraucht haben, weiß ich noch, dass mein Bruder ganz stolz darauf war, dass er in seinen alten Klamotten nicht als Ossi erkannt wurde.

Später habe ich in Kassel studiert und gearbeitet, immerhin gab es zwar Bafög, doch das war recht wenig. Die vorgesetzte Kollegin, eine ganz liebe Frau, hatte einen deutlich erkennbaren östlichen Akzent. Woher sie kommt? Neinnein, auf keinen Fall aus dem Osten.

Ich musste raus aus der alten Wohnung, mir eine neue suchen. Eine Bekannte zog ebenfalls um, ihre Wohnung wurde frei. Die Vermieterin winkte ab. Nebenan bei der Nachbarin wohnte schon ein Ossi, der holte sein Heizöl immer an der Tankstelle, das wollte sie nicht.

Das Kind wechselte von der Grundschule auf das Gymnasium. Seit dieser Zeit nannte sie nicht mehr den Osten als Herkunft, sondern unseren damaligen Wohnort, allein, damit sie deswegen nicht mehr gehänselt wurde.

Es hat viele Jahre gedauert, bis ich in Gesprächen wirklich auf die Frage geantwortet habe, woher ich kam. Manchmal ist das auch der Moment, an dem ich sicher weiß, mit wem ich mich danach nicht mehr unterhalten möchte.

 

Die alte Kegelbahn

Es ist noch gar nicht so lange her, erzählte der Begleiter, als wir auf dem Parkplatz vor dem Einstieg zur Hausbachklamm an einem Holzbau vorbeigingen. Der Gasthof auf der Straßenseite gegenüber hatte für immer geschlossen und neben dem Holzbau rann emsig Wasser in einen hohlen Baustamm, der zu einem hölzernen Trog geworden war.

Es ist noch gar nicht so lange her, und ältere Menschen aus umliegenden Dörfern erinnern sich wohl noch daran, dass die Kegel auf der Kegelbahn von Buben aufgestellt wurden, wenn sie von der Kugel getroffen gefallen waren. Jetzt tanzen nur noch Staubkörnchen im Licht, an den Seiten lehnen alte Fenster, weil es hier keine Sicht auf bessere Zeiten mehr gibt. Spinnen weben in den Ritzen ihre Netze, halten alles Vergangene fest, auch das Kollern der Kugeln, die, von der Hand gelassen, über die Bahn rumpeln, bis am Ende ein, zwei oder neun Kegel fallen.

Es riecht nach Staub, nach harzigem Holz in der Sonnenwärme, vielleicht auch nach einer letzten Zigarette. Warum ist die Sehnsucht nach Vergangenem so stark?

Es entspricht nicht mehr den modernen Bedürfnissen, heißt es, wenn ein Haus abgerissen wird, damit Platz für Neues kommt. Doch wer bestimmt, was genau die Bedürfnisse, unsere und damit auch meine Bedürfnisse sind? Ich würde gerne einen Besen nehmen, den Boden fegen, die Scheiben von den Spinnweben befreien und die Sonnenstrahlen einladen. Dann ist es warm genug für alle, für mich, die Mäuse, das trockene Laub und die Zeit. Hier ist sie zu Hause, scheint mir, hier wohnt alle Zeit, die in der Welt ist. Das Lachen perlt als Echo von den Wänden, Bierflaschen werden zischend geöffnet und stoßen mit den Böden aneinander, bevor die Menschen ihren ersten Schluck trinken.

Hier spielt es keine Rolle, wer jemand ist, was er macht, wie viel er hat, es gibt Brotzeit, Bier und Limo, das reicht völlig aus. Und alle sitzen gemeinsam auf Bänken, ist der Witz gelungen, schlagen sie zustimmend mit der Hand auf den Tisch, klopfen dem Nachbarn die Schulter und genießen einfach den Abend als echten Feierabend, nach getaner Arbeit, ob auf dem Feld oder im Wald. Sie können sehen, was sie geschafft haben, das ist mehr, als mancher von uns heutzutage sagen kann, vor allem dann, wenn Buchstaben virtuell bleiben und Zahlen über das Leben der Menschen verfügen.

Erinnern wir uns daran, was wirklich wichtig ist, die Nähe zu den anderen, eine Nähe, bei der ich die Wärme spüren kann, weil die Bank sonst nicht für alle reicht.

Verbunden mit Cubus Regio und „Das wars“.

Alles für die Katz #96


Katzen sind einfach überall zu Hause.Manche laufen weg, wenn sie mich sehen und warten nicht ab, bis ich sie fotografieren kann. Manche jedoch besetzen ihren Platz so selbstverständlich, als würden sie sagen: Mensch, bring mir doch endlich was zu essen.

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles für die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. des Monats machen. (Momentan habe ich mich dazu entschlossen, dass es „Alles für die Katz“ nur noch einmal im Monat gibt, jeweils am 1.)

Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans über schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles für die Katz” dabei ist. Klickt euch durch die Galerie der Katzen, streichelt ihnen über den Kopf, lasst euch auch einmal anfauchen – und sagt einfach denen, die sie fotografiert haben, wie schön ihre Katzen sind.

Blitzableiter mit Winkelement #Rostparade

Ist ein Berg noch nicht hoch genug, lässt sich auf ihm ein Turm erbauen, so wie auf dem Schwarzen Grat an der Grenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern. Der schwarze Grat ist der höchste Berg der Adelegg, einer dicht bewaldeten Berglandschaft im Westallgäu. Der Aussichtsturm ist noch einmal 30 Meter höher und wer sämtliche Stufen nach oben geschafft hat, wird mit einer rundum guten Aussicht belohnt.

Aber um die Aussicht geht es mir heute überhaupt nicht, die kommt später dran. Das hölzerne Turmdach war mit einem Blitzableiter versehen, so weit, so vorhersehbar. Doch was macht diese kleine runde Platte? Ich konnte sie wie einen kleinen Winker auf und ab bewegen, da es aber keinen Haken oder etwas ähnliches gab, fiel sie immer wieder in ihre Ausgangsposition zurück.

Da das kleine Winkelement mit Rost überzogen ist, kommt es jetzt einfach in die Rostparade bei Cubus Regio. Vielleicht kann mir jemand verraten, wozu es eigentlich dient.

Nicht auszudenken, nicht drüber nachdenken

Alltag ist wie alle Tage, das Leben funktioniert auf Autopilot und das ist gut so. Ich muss nicht alles hinterfragen, nicht über alles nachdenken, nicht alles neu erfinden. Alles im Fluss, gewissermaßen. Wäre da nicht dieser Stachel, der sagt: Das kann doch nicht alles gewesen sein, du musst doch immer wieder was neu und was neues und überhaupt kann doch nicht alles so bleiben, wie es ist. Das wäre doch Stillstand, Ruhe in Frieden oder so, das kann es ja nicht gewesen sein.

Ich erinnere mich, dass ich vor einiger Zeit einem Gedächtnistrainer zugehört habe, einem Trainer, der mir erzählen wollte, wie ich es anstellen kann, dass ich nicht mehr so viel vergesse. Dabei vergesse ich gar nicht viel, vorausgesetzt, ich habe es mir notiert. Das ist ein bisschen wie beim Spickzettel-Schreiben: Ist er fertig, brauche ich ihn nicht mehr. Eigentlich muss ich mir nicht mehr viel Neues merken, jedenfalls nichts, was anschließend abfragebereit im Gedächtnis verbleibt. Schule und Studium sind schließlich lange vorbei und das Internet erlaubt mir schnellen Zugriff auf Namen, Daten und Fakten. Die brauche ich mir nicht mehr zu merken, ganz egal, was der Geschichtslehrer damals behauptet hat.

Da allerdings das Gehirn ebenso faul wie andere Muskeln ist, gilt auch hier: Wer rastet, rostet. Soll das Denken gut funktionieren, braucht das Hirn Sauerstoff, Trinken und ausreichend Schlaf. So weit, so klar.

Dann allerdings zeigte der Gedächtnistrainer nur solche Tricks, die im Alltag völlig unbrauchbar sind: Ich brauche weder Zahlen durch 5 oder durch 9 zu teilen, falls doch, nehme ich einen Taschenrechner. Er erklärte, wie sich Vokabeln durch Bilder leichter einprägen: Adler frisst Igel, ergo Adler heißt Eagle. Diese Technik brauche ich nicht, ich kann dividieren und wenn ich Vokabeln lerne, lieber im Zusammenhang, in der Situation, in der ich sie auch tatsächlich anwenden kann.

Gedächtnisweltmeister trainieren so, sagte der Gedächtnistrainer. Ich will aber kein Gedächtnisweltmeister werden, ich will meinen Alltag leben. Dafür brauche ich weder Listen noch Zahlenreihen. Eigentlich will ich ja etwas anderes: Ich will Namen, Daten, Orte und andere Dinge nicht nur speichern, sondern die Informationen viel lieber kreativ verarbeiten. Der Alltag funktioniert genau deswegen so gut, weil er ja alle Tage gleich abläuft. Ich muss mir keine Gedanken über die Dinge machen, die gut funktionieren.

Allerdings hat der Alltag auch seine Tücken: Habe ich mich einmal für einen Ablauf oder eine bestimmte Reihenfolge entschieden, möchte diese, dass ich das immer so weiter mache. Glaube ich, dass ohne Kaffee am Morgen nichts geht, könnte es auch anders sein, es gab auch lange Jahre, in denen ich überhaupt keinen Kaffee trank. Es gibt Reihenfolgen, die sich als so sinnvoll erwiesen haben, dass sie nieundnimmernicht geändert werden. Wer zuerst den Boden putzt und anschließend die Krümel von Tisch und Arbeitsplatte wischt, muss sich nicht wundern, dass der Boden nur für kurze Zeit sauber war.

Manchmal begleiten Engel den Tag, den Alltag.

Nur wenn ich Alltag bei mir habe, kann ich aufmerksamer durch den Tag gehen, die kleinen Dinge wahrnehmen und achtsam sein. Haben sich meine Spuren auf alltäglichen Wegen tief eingegraben, kann ich sie verlassen, neue Wege gehen.

Selbstredend hatte der Gedächtnistrainer seine Bücher dabei und pries sein Seminar fürs Gedächtnistraining an, beides allerdings nicht kostenlos.

Verbunden mit: Cafe Weltenall und dem Projekt „Alltag“.

Tagebuchbloggen am 5. September

An jedem 5. des Monats versammeln sich alle Tagebuchblogger zum WMDEDGT, „was machst du eigentlich den ganzen Tag“ will Frau Brüllen wissen. Bitte, hier steht’s:

Hier habe ich nicht einen Wecker, hier habe ich fünf Wecker: Wird es draußen langsam dämmerig, finden die Katzen, dass ich doch jetzt genug geschlafen habe und es Zeit zum Aufstehen ist. Da ich anderer Meinung bin, ziehe ich mir die Decke über den Kopf und lasse sie nölen. Bequeme ich mich aus dem Bett, gibt es erst Kaffee für mich, bin ich damit fertig, Futter für die Raubtiere.

Mein Beitrag für die nächste Ausgabe von „Echt Oberfranken“ ist fertig, die Layouterin hat mir den Entwurf gemailt, damit ich noch die Bildunterschriften schreiben kann. Mitte September geht das Heft in Druck, irgendwann wird es dann auch im Zeitschriftenregal liegen.

Radfahrer über der Werra.

Weil es heute noch sonnig ist und sich für morgen Regen angedroht hat, telefoniere ich mit der Touristinformation in Wanfried, ob jemand ein bisschen Zeit für mich hat. Das kleine Städtchen diente nämlich Wagner als Inspiration für den Namen seiner Villa, er hat eben nur noch ein „h“ zusätzlich eingefügt, „Wahnfried“ eben.

Der Wanfrieder Hafen.

Am Hafen legen längst keine Lastkähne aus Nürnberg mehr an, nur noch Schlauchboote und Kanus, ich trinke in der Wirtschaft einen Kaffee und frage die Bedienung, ob sie was von Wagner weiß. Sie ist nur Aushilfe, antwortet sie, gibt mir die Speisekarte und sagt, dass auf den ersten Seiten etwas über die Hafengeschichte steht.

Die Kirche in echt war offen, hier steht sie als Deko in einem andernfalls leeren Schaufenster

Weil die Touristinformation Mittagspause hat, strolche ich durchs Städtchen, lese, was auf den Schildern über die alten Häuser steht, fotografiere. Weil die Kirche gerade offen ist, gehe ich hinein und krame in den dort zum Mitnehmen ausgelegten Büchern, finde die „Judenbuche“ von Droste-Hülshoff und nehme das schmale Bändchen mit. Die anderen Bücher waren eher erbauliche Texte, so à la: Gottesdienst ohne Pfarrer, erstaunlicherweise fand ich aber auch einen Koran und Bücher über weitere Religionen in der Kiste.

Das Rathaus von Wanfried.

Der freundliche Mensch in der Touristinfo hatte in der Zwischenzeit, seit meinem morgendlichen Anruf also, Texte über Richard und Cosima Wagner, Sekundärliteratur, zusammengefasste Werke über alles, was über die Namenswahl Wagners bezüglich seiner Villa bekannt ist, aus dem Archiv gesucht und schickt es mir per Mail. Wir unterhalten uns noch eine Weile, schließlich finde ich das Städtchen schick, obwohl viele Geschäfte leer stehen, auch wenn die Schaufenster dekoriert sind.

Noch ein dekoriertes Schaufenster, in diesem wird Werbung für die samstäglichen Stadtrundgänge gemacht.

Anschließend habe ich noch ein bisschen eingekauft und bin zurückgefahren, dieses Mal über die neu und immer noch nicht fertig gebaute Autobahn, das letzte Projekt der Deutschen Einheit. Ist schon irre, wie viel Erde dafür bewegt wurde, damit jetzt Kies, Beton und Asphalt in der Landschaft liegen.

Autobahnwahnsinn. Das war mal Landschaft, früher.

Ich schließe die Haustür auf und werde zum Dank von den Katzen angemault. Nein, jetzt gibt es erst einmal für mich was zu Essen, später seid ihr dran.

Hoch hinaus

Insgesamt 120 Stufen muss ich steigen, will ich hoch oben vom Bismarckturm über das Kasseler Becken blicken. Er steht auf dem Brasselsberg, ist einer von ehemals 240, von denen noch 173 in ganz Deutschland verteilt stehen.

Stufen im Inneren des Bismarckturmes

Bis ich dorthin komme, gehe ich Stadtrand entlang, einem Stadtrand der ganz anderen Art. Während an anderen Rändern Industriegebiete die Ränder ausfransen, grenzt hier die Bebauung direkt an das Naturschutzgebiet. Alles ist mit Hecken blickdicht bepflanzt, selbst Kinderlachen klingt nur gedämpft hindurch. An der Straßenbahnschleife Druseltal weist der Wegweiser auf den linken der sternförmig verlaufenden Wege, wenn ich schnell und direkt zum Turm kommen will. Da ich die Wegmarkierung bereits an der nächsten Ecke nicht mehr finde, nehme ich den  längeren Weg, Zufall sei Dank.

Meine Schritte knirschen auf dem Splitt. Bleibe ich stehen und lausche, kann ich hören, wie die dürren Blätter von Buche und Ahorn leise raschelnd auf den Boden fallen. Ich bin im Habichtswald, doch nicht weit von mir entfernt ruft ein Falke, kurz danach ein zweiter. Als ich weitergehe, fliegt einer auf und der zweite bleibt sitzen. Ich gehe nicht zu ihm, was sollte ich da auch? Sind sie am Fressen, störe ich nur. Ist einer verletzt, kann ich ihm auch nicht helfen, zu groß wäre seine Angst vor mir. Ist es ein Jungvogel, der sich zu früh aus dem Nest gewagt und jetzt auf dem Boden nicht starten kann nun, der muss allein Fliegen lernen. Ich kann es nicht.

Ich laufe an den Bilsteinklippen vorbei, steige einer von ihnen auf den von hinten so unscheinbar anmutenden Rücken, und staune, wie weit es vorne in die Tiefe geht.

 

 

 

 

 

Bald ragt vor mir der Turm auf, quadratisch, fest aus Basalt gefügt. „Götterdämmerung“ nannte der Architekt seinen Entwurf, jetzt steht er da, mit dem Sockel im Schatten, in der Dämmerung, doch die Spitze sonnenbeschienen.

Von hier oben ist schließlich die Sicht weit, eine Tafel erklärt, was ich sehen kann. Die kleinen Sorgen, sämtliche Ausreden, alles, was mich tagsüber beschäftigt, bläst der Wind einfach fort. Ja, ich kann hier den ganzen Tag einsam und allein mit mir und fünf Katzen verbringen, am Computer sitzen, schreiben, lesen, nachdenken, manchmal klingen die Stimmen der Nachbarn und das Geschrei der Kinder bis zu mir und wenn ich denke, och mönsch, muss das jetzt, könnt ihr nicht leise, denke ich auch daran, dass das heute die einzigen menschlichen Laute sind, die ich höre.

Ich war nie viel allein, immer war noch jemand da, der was wollte, der mich brauchte, doch jetzt, seit die Lieblingshausziege nun ausgezogen ist, kann ich ganz allein und einsam sein, ausprobieren, ob mir das zusagt – oder eher nicht.

Sicher, ich habe hier in der Stadt mal gewohnt, einige Jahre sogar, ich könnte im Telefonbuch oder eher im Internet nachsehen, wer hier noch wohnt, von denen, die ich kenne.

Ich lasse es.

Ich wüsste im Moment nicht, woran ich knüpfen könnte, es gibt ja seit Jahren nichts Verbindendes mehr. Wir könnten uns nur gegenseitig erzählen, was wir jeweils erreicht, wo wir gewesen, was wir gemacht, doch danach geht jeder wieder seines Wegs, nach einem „schön war’s“ und „meld dich mal wieder“ vergisst jeder auch gleich, was der andere gesagt hat.

Das also nicht.

Verbunden mit: Czoczo und dem Black und White-Bild des September. 

Verzweiflungstat, ambivalent, hingeben #abc.etüden

„Sieht nach Verzweiflungstat aus“, kommentierte der Buchhändler, als er August im Ratgeber „Auftragsmord ist billiger als Scheidung“ blättern sah.
„Ich prüfe meine Chancen“, konstatierte dieser lakonisch und schlug hinten nach, ob es eine Liste inserierter Mörder gab, analog zu den Danksagungen in anderen Büchern.
„Du musst dich schon selber auf die Suche machen“, witzelte der Buchhändler. „Eine Nachfrage bei der Handwerkskammer dürfte überflüssig sein, Mörder gehören schließlich nicht zu den anerkannten Ausbildungsberufen.“
„Mach dich nur lustig“, grummelte August: „Du bist ja auch glücklich geschieden.“
„Ich habe Liese einfach mit meinem Großhändler bekannt gemacht. Da er wesentlich mehr verdient, fiel ihr der Abschied leicht.“
„Du meinst, ich sollte Juli mit jemandem verkuppeln? Das hat niemand verdient“, winkte August ab, zahlte das Buch, verließ den Laden und ging zum Hauptbahnhof. Vor der Unterführung saßen die Bettler, wahlweise mit Hund oder Schild vor sich und warteten, dass Passanten Münzen in ihren Hut, Becher oder Geigenkasten warfen. Vielleicht blieb August einen Moment zu lange stehen, vielleicht hatte er einen der dort sitzenden zu lange angeguckt, er merkte, dass einige von ihnen näher kamen, so dicht, dass er am liebsten sofort verschwunden wäre. Wollte er mit ihnen jedoch ins Geschäft kommen, blieb ihm nichts anderes übrig, als die Luft anzuhalten und ihren strengen Geruch nach Schweiß, Alkohol und nassem Hund zu ertragen.
„Moin“, versuchte er eine Annäherung, da er jedoch nur ein: „Du mich auch!“ erntete, kehrte er um, fuhr nach Hause und legte sich mit dem gerade gekauften Buch aufs Sofa. Er hätte alles dafür hingegeben, wenn diese Frau gänzlich aus seinem Leben verschwinden würde, nur bei der Auswahl der Möglichkeiten war er ambivalent. Sollte er jemanden bezahlen, auch wenn er dann einen Mitwisser hätte? Es selbst erledigen? Erschöpft vom Nachdenken über die Möglichkeiten schlief er ein, wachte schweißgebadet auf: Er hatte die Lösung.

Verbunden mit: Christiane und den abc.etüden, in dieser Woche mit den Worten: Verzweiflungstat, ambivalent und hingeben.